Kirche und Links sein

„Wenn einer nur an der Seite der armen Deutschen steht und nur gegen ihre Armut ankämpft, dann ist er nicht links. Das kann auch ein Rechter. Links ist einer erst, wenn er gegen die Armut aller kämpft.“ Gregor Gysi, 6.6.2018
Nach diesem Zitat müssten Kirchen, Religionen und vor allem Jesus Christus zum linken Spektrum gehören.
Als Linker kann ich aber der Kirche nicht freundlich gegenüberstehen, wenn ein Papst meint, dass Kinder mit homosexuellen Neigungen therapiert gehören.
Als Linker kann ich der Kirche nicht freundlich gegenüber stehen aufgrund einer systematischen Entmündigung von Menschen, die sich mit dem Kondom der Kontrolle ihrer Familienplanung ermächtigen.
Als Linker kann ich mich keiner Kirche öffnen, die den Missbrauch von Frauen und Kindern vertuscht, verharmlost und entschuldigt.
Als Linker darf man aber nicht dogmatisch sein, das ist meine feste Überzeugung.
Als Linker muss ich also den Schulterschluss mit Kirchen suchen, wenn diese zu Demonstrationen für eine Seebrücke im Mittelmeer aufrufen, als Linker darf ich mich auf die Seite der Kirchen stellen, wenn diese zu #Wirsindmehr in Chemnitz aufrufen, wenn diese der CHRISTLICH-sozialen Asylpolitik widersprechen.
Ich war in einer freikirchlichen Gemeinde im Gottesdienst. Ich empfehle jedem, Filterblasen zu verlassen und diese zu zerstoßen.
In der Predigt wurde von Willow Creek gesprochen, einer der größten freikirchlichen Gemeinden der USA, wo der Pastor Bill Hybels zurückgetreten war, weil er mehrere Mitarbeiterinnen über einen Zeitraum von über 20 Jahren sexuell belästigt hatte. Der Vorfall wurde mit König David entschuldigt, den auch „eine Frau zu Fall brachte“, dem aber dennoch von Gott verziehen wurde.
In der Predigt wurde von Chemnitz gesprochen, und von der Geschichte von Joseph und seinen elf neidischen Brüdern. Die randalierenden Nazis in Chemnitz seien vielleicht auch nur vom Westen vernachlässigte Kinder, so wie die elf Brüder vom Vater vernachlässigt wurden.
In der Predigt hat der Pastor gesagt, dass „jeder, wie Joseph von seinem Vater, von Gott einen Mantel geschenkt bekommen habe, nur bei manchen ist er sichtbarer als bei anderen.“
Ein paar Gedanken dazu:
1. Eine vergewaltigte Frau bringt einen Mann nicht zu Fall. Der Vergewaltiger ist kein Opfer, Vergewaltigungsopfer tragen niemals Schuld, und der Vergleich mit einer biblischen Gestalt ist verdammt noch mal unangemessen.
2. Wer einen Hitlergruß zeigt und anders aussehende und mutmaßlich andersdenkende Menschen verfolgt, ist ein Nazi. Das ist absolut und weder mit Vernachlässigung noch mit Angst und Sorge begründ- oder entschuldbar. Das ist absolut und in absolut jedem Fall zu bekämpfen.
3. „Sichtbar“ ist nicht steigerbar. Außerdem: Was soll das für ein Gott sein, der manchen Menschen mehr gibt als anderen? Wie kann es sein, dass Gott alle Menschen bedingungslos liebt und dann trotzdem manchen mehr gibt als anderen? Das ist entmündigender Sozialdarwinismus. Jedweder Gottesglaube hat nichts mit den Zuständen auf dieser Erde zu tun – und darf es nicht haben. Denn wenn man Leid und Ungerechtigkeit mit Jenseitsglauben und der Liebe Gottes aufwiegt, entmündigt man Menschen, die im Diesseits gegen herrschende Zustände für ein besseres Leben kämpfen wollen. In diesem Fall ist Religion wirklich das Opium fürs Volk, von dem Marx gesprochen hat, und aus linker Perspektive zu bekämpfen. Wenn es einen Gott geben sollte, dann kennt er keine gesellschaftlichen Ordnungen und fügt Menschen auch nicht in solche ein. Und dann ist auch kein Leid gottgegeben, sondern menschengemacht. Wenn es einen Gott geben sollte, würde er sich für das schämen, was ich in diesem Gottesdienst erleben und anhören musste.

Ein Gedanke zu „Kirche und Links sein“

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